Berlin macht als IT- und Internethauptstadt in jüngster Zeit Schlagzeilen. Die Potenziale der Gesundheitsindustrie, die schon mehr als 10.000 Arbeitnehmer der Stadt beschäftigt, finden weniger Beachtung. Woran liegt das?
Mario Czaja: Ich finde nicht, dass darüber wenig geschrieben und wenig gesprochen wird. Vor allem Fachleute beobachten aufmerksam, wie Berlin seine Tradition als hervorragender Standort für Unternehmen der Medizintechnik und der Pharmaindustrie mit neuem Leben erfüllt. Viele Große aus den Branchen sind inzwischen in der Stadt. Zum Teil noch nicht mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, aber sie sind mindestens mit Verwaltungs- und Kommunikationsdepartments in Berlin vertreten. Mehr als 170 Biotechnologieunternehmen haben ihren Sitz in Berlin. Damit sind wir beispielsweise mit München konkurrenzfähig. In den nächsten Jahren kommt es darauf an, gerade den Berlinern noch mehr von diesem Aufbruch zu vermitteln.Heinz Riederer: Die Fakten sind in der Tat beeindruckend. Berlin verfügt wieder über einen starken Kern in der Gesundheitsindustrie, der jetzt beste Chancen hat, organisch zu wachsen. Ich glaube auch, dass wir bei den Menschen noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die Pharma-, Medizintechnik- und Diagnostikunternehmen sind leider meist nur ein beliebter Prügelknabe, wenn über Kosten im Gesundheitswesen diskutiert wird. Ein sehr einseitiger Blick. Eigentlich gibt es keine systemrelevantere Industrie als die unsere. Sie steigert das Wohlbefinden der Menschen, schafft Wohlstand, ist exportstark und sorgt mit hoher Wertschöpfung für Beschäftigung, Forschung und Entwicklung.
Herr Klussmann, sie stecken mit Ihrem Berliner Biotech-Unternehmen NOXXON nach über zehn Jahren Vorarbeit in wichtigen klinischen Tests für ihre ersten drei Medikamente. Haben Sie so viel Aufmerksamkeit wie eine trendige IT-Firma?
Sven Klussmann: Nein, leider nicht. Unsere Entwicklungszyklen sind lang – viel länger als in der IT-Branche, wo das hippe Produkt oder die hippe Dienstleistung schnell da ist und bestaunt werden kann. Wer unseren Weg verfolgen will, braucht schon einen langen Atem. Vielleicht waren wir als gesamte Gesundheitsindustrie aber auch ein bisschen zu nachlässig, unsere guten Leistungen für die Gesundheit bei den Menschen rüber zu bringen. Wenn mehr Leute verstehen, dass die Entwicklung eines Medikaments zehn Jahre oder länger dauert und hohen Kapitaleinsatz erfordert, dann haben wir auch weniger von diesen Aufreger-Debatten, wie unverschämt teuer neue Arzneimittel angeblich sind.
Herr Senator, helfen Sie der Berliner Gesundheitsindustrie bei der Überzeugungsarbeit, dass deren Firmen zu den Guten gehören und gute Leistungen erbringen?
Czaja: Der gesamte Senat steht dahinter – nicht umsonst ist die Stärkung der Gesundheitswirtschaft im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Frühere Regierungen haben immer nur von einer möglichst guten Gesundheitsversorgung versprochen. Unter den Tisch fiel, dass gerade eine starke Gesundheitswirtschaft in der Stadt diese hochwertige Versorgung erst ermöglicht, weil neue Medikamente und neue Methoden schneller zum Einsatz kommen. Davon profitieren alle Versicherten. Wir sind in intensiven Gesprächen, wie wir die Idee einer „Gläsernen Manufaktur“ für die Gesundheitsbranche realisieren. Wir denken an ein Haus in zentraler Lage, wo Firmen und Anbieter aus Berlin ihre Produkte und Prozessinnovationen gut sichtbar präsentieren. Dieser riesige Showroom soll auch ein Signal sein: Gesundheit ist Berlins aussichtsreichste Wachstumsbranche.
Verstehen wir Sie richtig? Auf die Gesundheitsindustrie in Berlin zu setzen, ist erfolgversprechender als zum Beispiel auf Medien, Verkehr und Mobilität?
Czaja: Ja, weil die Gesundheitsindustrie aus meiner Sicht die besten Ausgangsvoraussetzungen gegenüber den anderen Clustern mitbringt. Berlin hat eine einzigartige Geschichte der medizinischen Entwicklungen aufzuweisen, verfügt über die großen Forschungseinrichtungen und Kliniken wie dem MDC sowie der Charité und in unserer Stadt fühlen sich die Fachkräfte wohl. Klussmann: Ohne Frage hat der Standort international an Attraktivität gewonnen. Das sagen mir auch ausländische Geschäftspartner und Experten. Die Zuwanderung von Firmen nach Berlin ist da. Aus meiner Sicht hat die Region aber noch nicht die kritische Masse erreicht, um zum Beispiel mit dem US-amerikanischen Standort um Cambridge und Boston auf Augenhöhe zu sein. Berlin bräuchte noch einen dicken Fisch – mindestens einen weiteren weltweit agierenden Pharmakonzern, der ein paar hundert Leute mitbringt und einen millionenschweren Forschungsetat. Dann könnte der Aufschwung hier richtig Fahrt aufnehmen.
Angenommen, der Berliner Senat hätte in den nächsten ein, zwei Jahren Glück beim Angeln: Würde man einem neuen Pharma- oder Medizinkonzern das in überschaubarer Zeit frei werdende Flughafengelände in Berlin-Tegel anbieten?
Czaja: In diesem Fall würde ich für Berlin-Buch werben. Aus meiner Sicht ist das ein bereits bestehender Gesundheitsstandort mit großem Entwicklungspotenzial. Am dortigen Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin arbeiten bereits heute rund 1.400 Mitarbeiter und Gastwissenschaftler. Positiv wird auch die bald erreichte Verzahnung mit der Uniklinik Charité wirken. Zudem hat Buch auf engem Raum weitere Forschungseinrichtungen, Kliniken und namhafte Biotech-Unternehmen. Nachholbedarf besteht hier sicher noch bei der Infrastruktur. Benötigt wird eine gute Anbindung mit schneller S-Bahn oder mit einem Regionalexpress, außerdem eine Autobahnabfahrt. Im Moment überkommt Auswärtige manchmal noch das Gefühl, sie würden ans Ende der Welt fahren. Zudem ist Buch näher an Berlin-Mitte als Tegel.
Herr Rieder, Sanofi-Aventis ist mit gut 500 Mitarbeitern schon ein Pharma-Flaggschiff in der Stadt. Werden Sie expandieren und noch neue Jobs schaffen?
Riederer: Man kann die ökonomische Kraft, die eine Pharmafirma in die Stadt bringt, immer weniger daran messen, wie viele Köpfe originär zum Haus zählen. Geforscht und entwickelt wird immer stärker in Netzwerken außerhalb und in Zusammenarbeit mit Dritten. So gesehen wächst der Standort Berlin bei uns weiter. Neue Forschungslabors entstehen allerdings nicht mehr bei uns, sondern zum Beispiel bei unserem Partner Charité. Firmenintern stehen wir wirklich gut da. Im Vergleich mit dem amerikanischen Standort Boston, wo unser Unternehmen auch präsent ist, hat Berlin aktuell sogar die Nase vorn. Wir sind mit unseren Kooperationen im Forschungsbereich schon näher an realen Produkten als die amerikanischen Kollegen.
Sie sind mit der Charité vor gut zwei Jahren ein neues Kooperationsmodell eingegangen: Beide Partner bringen ihr Personal quasi in eine neue Unternehmung ein, teilen sich die Kosten, die Know-how-Rechte und später die möglichen Einnahmen daraus. Wie gut funktioniert das?
Riederer: Sehr gut. Beide Seiten haben sich getraut, ein bisschen „amerikanischer“, nämlich unternehmerischer, an Forschung und Entwicklung heranzugehen. Wir zünden gerade die zweite Stufe der Zusammenarbeit und erweitern das Untersuchungsfeld von den Bereichen Schlaganfall und Rheuma nun auch auf Diabetes. Ingesamt sitzen in den Labors jetzt 30 Mitarbeiter. Natürlich gibt es noch keine Ergebnisse in Form zugelassener Medikamente, aber wir haben erste Kandidaten im Blick.
Ist die klassische Kooperation – die Wirtschaft beauftragt, die Wissenschaft forscht und liefert – ein Auslaufmodell?
Klussmann: Solche neuen Kooperationsformen wie zwischen Sanofi-Aventis und der Charité sind wünschenswert, denn sie bereichern das Feld. Die bewährte Drittmittelforschung stirbt deshalb nicht. Wir als kleines Unternehmen mit 60 Mitarbeitern hätten gar nicht die Kapazitäten, Leute an neue Einheiten draußen abzugeben. Wir haben schon jetzt in relevanten Bereichen gar nicht die Forschungstiefe, so dass wir Spezialisten von außerhalb beauftragen müssen, uns Daten und Ergebnisse zuzuliefern.
Wie man hört, hadern junge Pharmafirmen weniger mit mangelnden Kooperationsmöglichkeiten als mit der Schwierigkeit, das Wachstum ihres Unternehmens über die nächsten Jahre zu finanzieren. Was schreckt potenzielle Geldgeber denn ab?
Klussmann: Die Debatte um Finanzinvestoren, die angeblich wie Heuschrecken in Deutschland einfallen, wirkt immer noch nach. Risikokapital-Geber kämpfen weiter mit starker Regulierung und ungünstiger Steuergesetzgebung. Wenn Investoren das Investieren wieder leichter gemacht würde, könnte Berlin im Pharmabereich, aber auch in anderen Hochtechnologien deutlich profitieren. Ich hoffe, dass der Berliner Senat seinen Einfluss auf die Bundespolitik ausübt.Riederer: Die Einführung der steuerlichen Forschungsförderung wäre sicher ein richtiger Schritt auf diesem Feld. In anderen Ländern erweist sich dieses Instrument als Innovationsmotor, das auch Investoren anlockt. Viele deutsche Experten plädieren aus guten Gründen auch hierzulande dafür.
Nach den ökonomischen Diskussionen um Standort, Jobs und Kapital – die Berliner bewegt auch die einfache Frage, wie hoch denn die Versorgungsqualität in der Hauptstadt ist. Und was die Gesundheitsindustrie dazu beiträgt.
Czaja: Ich glaube wir haben ein Spitzenniveau in der Stadt. Wer schon einmal im Ausland medizinische Leistung und Versorgung brauchte, sehnt sich oft nach deutschen Kliniken und Ärzten zurück. Den guten Beitrag der Gesundheitsindustrie habe ich schon angesprochen. Das Forschen, Entwickeln und Kooperieren vor Ort führen dazu, dass die Berliner ganz früh die allerneuesten Therapien und Verfahren nutzen können. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich viele Patienten aus dem Ausland in den großen staatlichen und privaten Kliniken behandeln lassen. Auch das erhält schließlich den hohen Standard: Die Häuser können mit diesen zusätzlichen Einnahmen eine Infrastruktur vorhalten, die sie allein aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung nicht finanzieren könnten.



